Torsten Oltmanns ist ein Wanderer zwischen den Welten. Viele Jahre hat er für Firmen wie McKinsey und Roland Berger gearbeitet und Unternehmen, öffentlichen Institutionen und Politikern bei strategischen Fragen zur Seite gestanden. Immer wieder zog es ihn jedoch auch selbst in die politische Verantwortung – etwa ins Bundesverteidigungsministerium, wo er die Umsetzung der Bundeswehrreform begleitet und die Einführung eines leistungsbezogenen Controllings verantwortet hat. Heute leitet er die Kommunikation des Mischkonzerns Haniel.
Herr Oltmanns, für viele Menschen sind unsere heutigen Politiker vor allem auf eines aus: die Maximierung ihrer eigenen Macht. Sie selbst haben in unterschiedlichen Positionen politische Entscheidungsprozesse begleitet – als verantwortliche Führungskraft und als externer Berater. Welche Bedeutung hat das Thema Macht in der Politik tatsächlich?
OLTMANNS: Meine Erfahrung widerspricht dem Klischee. Politiker sind im Schnitt auch nicht machthungriger als andere Menschen. Aber die Rahmenbedingungen sind nun mal oft auf Win-lose angelegt: Ein eigenes politisches Ziel lässt sich dann nur realisieren, wenn andere Ziele blockiert werden. So gesehen, wird man als Politiker zum Machtmenschen erzogen.
„Politik ist eine Profession. Deren Regeln muss man kennen und dazu gehören auch die Regeln des Machterwerbs.“
Kann ein Politiker, der nicht nach persönlicher Macht strebt, überhaupt erfolgreich sein?
OLTMANNS: In Einzelfällen ist es natürlich möglich, dass die eigenen Ideen so überzeugend sind, dass sie nicht gegen andere durchgesetzt werden müssen. Aber wenn man nicht gerade Gandhi heißt, ist das eher unwahrscheinlich. Normale Politiker sind dazu gezwungen, Machteinbußen zu verhindern und ihren Einfluss auszubauen, sonst werden sie keinen Erfolg haben.
Sie haben als Berater viele Veränderungsprozesse in Unternehmen und in der öffentlichen Verwaltung begleitet. Was sind die wichtigsten Unterschiede?
OLTMANNS: Die Verwaltung muss bei ihren Handlungen gesetzliche Grundlagen beachten und die orientieren sich nicht nur an wirtschaftlichen Kriterien. Das ist auch richtig. In der Praxis wird das aber manchmal als ein Grund dafür missverstanden, dass ein Prozess nicht effizient sein muss. Die Akteure in einer Verwaltung haben außerdem häufig einen klar definierten Entscheidungs- und Verhinderungsspielraum. Beides gilt so für Unternehmen natürlich nicht – hier gibt es keine Geschäftsordnung und ein Umbau kann schnell vollzogen werden. Aber auch das kann ein Nachteil sein. Manche Unternehmen planen schon die nächste Welle der Veränderung während die vorletzte Welle die Arbeitsebene noch gar nicht erreicht hat. So oder so: Change ist auch hier eine Aufgabe, die gegen Widerstände realisiert werden muss. Kommunikation allein löst die Konflikte nicht auf.
Wenn wir uns die derzeitige Situation in Europa anschauen: Zeigt diese nicht die Machtlosigkeit der Politik bei länderübergreifenden Themen – und wäre hier nicht eine Instanz vonnöten, die ein Machtwort sprechen kann?
OLTMANNS: Klingt nach einer deutschen Lösung… Aber im Ernst: Die aktuellen Probleme sind komplex und noch fehlt es weniger an Durchsetzungsmacht als an einer gemeinsamen Interpretation der Realität: Sind Spekulationssteuern sinnvoll oder würgen sie den Aufschwung ab? Haben wir ein konjunkturelles Problem oder ist das gesamte System kaputt? Will man die vereinigten Staaten von Europa oder eine Gemeinschaft unabhängiger Staaten? In so einer Lage empfinden viele Menschen verständlicherweise irgendeine Entscheidung besser als eine andauernde Unsicherheit. Das muss aber nicht zu den besten Lösungen führen. Allerdings droht Europa das Thema Macht im zweiten Schritt einzuholen: Wie die Diskussion über die Rettungsschirme zeigt, ist die Realisierung bereits gefasster Beschlüsse offenbar ein Machtproblem.
Für den Laien scheint es so, dass Quereinsteiger in der Politik, die sich nicht durch die Parteiinstanzen hochgedient haben, ihr Amt oft schon sehr bald wieder verlieren. Fehlt ihnen eine besondere Schule im Umgang mit der Macht?
OLTMANNS: Politik ist eine Profession. Deren Regeln muss man kennen und dazu gehören auch die Regeln des Machterwerbs. Das klingt im Übrigen martialischer, als es gemeint ist. Für Politiker fällt darunter die Fähigkeit, Gruppen von Menschen von einer Idee oder einem Prozess zu überzeugen oder die Intelligenz, die es braucht, um eine Absicht durch viele Prozessschleifen hindurch zu tragen, ohne den Kern zu verwässern. Und schließlich die Weisheit, die richtigen Allianzen für die Realisierung der eigenen Pläne zu schmieden und sie wieder aufzugeben. All dies würde ich als Umgang mit der Macht sehen. Externe, die sogenannten Quereinsteiger, neigen dazu, die Sachfragen in den Mittelpunkt zu rücken. Das klingt oft richtig, aber wie wir in Europa gerade sehen, sind die meisten wichtigen Fragen eben nicht rein sachlich zu entscheiden. Hier muss man Mehrheiten organisieren und Koalitionen schmieden. Fähigkeiten, die Quereinsteiger oft nicht gelernt haben.
In unserem Buch hat Torsten Oltmanns den Beitrag „Der Machtbegriff in der Betriebswirtschaft – ein Tabu und seine Geschichte“ verfasst und am Beitrag „Ein neuer Machtbegriff: Die Fähigkeit, Weltbilder zu setzen“ mitgewirkt.
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