Was ist Macht? Ist sie Fluch oder Segen? Ist sie gut oder schlecht? Unser Verhältnis zur Macht ist beharrlich ambivalent. Gerade im deutschen Sprachraum verbinden wir mit dem Machtbegriff oft nichts Gutes. Zu nah ist die Erinnerung an den Machtmissbrauch, der die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte geprägt hat, zu präsent sind die Erfahrungen mit absolutistischen Führern, mit Faschismus und Kommunismus, mit mangelnder Machtkontrolle und blindem Gehorsam.
Die negative Konnotation des Machtbegriffes hat in Deutschland – anders als etwa im angelsächsischen Raum, wo der Begriff Power nicht negativ, sondern indifferent geprägt ist – dazu geführt, dass in vielen Bereichen keine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit der Machtthematik stattgefunden hat. Besonders augenfällig ist dies in einem Bereich, in dem die Ausübung von Macht zum alltäglichen Geschäft gehört: in der Führung von Unternehmen. Hier sind die verschiedensten Aspekte der Macht – positive wie negative – immer in der einen oder anderen Form präsent. Doch selten wird dies offen diskutiert. Machtkämpfe spielen sich hinter den Kulissen ab – Machtmissbrauch allemal. Schon ihre bloße Erwähnung ist oft ein Tabu oder zumindest in offener Runde nicht opportun. Und selbst die positiven Seiten einer „gesunden“ Macht, jenseits von taktischen Spielen und Allmachtsfantasien zügelloser Führungskräfte, werden im Unternehmensalltag ebenso wie in der Managementlehre kaum thematisiert.
Interessanterweise haben sich viele andere Disziplinen in den vergangenen Jahren deutlich intensiver mit verschiedenen Aspekten der Macht auseinandergesetzt als die Betriebswirtschaft – die Philosophie etwa, die Soziologie, die Psychologie und die Politik- und Sprachwissenschaften. Diese verschiedenen „Machtperspektiven“ einander gegenüberzustellen, sie in ihrer Interdisziplinarität so miteinander zu vernetzen, dass sie sich gegenseitig befruchten, das ist ein zentrales Anliegen der Wissenschaftler und Praktiker aus unterschiedlichen Fachgebieten, die sich in der Initiative ›Macht:Perspektiven‹ zusammengeschlossen haben.
Prof. Dr. Dr. Klaus Schwab
Gründer und Präsident des
Weltwirtschaftsforums, Davos







